Können wir unsere Darmbakterien gezielt füttern ?
26. Juni 2025
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Fettleber: Wollen Sie mit 65 einen Herzinfarkt erleiden oder mit Ihren Enkeln spielen ?

Die Tage werden kürzer und viele Menschen klagen jetzt über Müdigkeit. Ein Grund dafür könnte sein, dass wir in der dunklen Jahreszeit weniger Sonnenlicht abbekommen und uns seltener zum Sport aufraffen. Doch es könnte auch daran liegen, dass Ihre Leber ein Problem hat. Schon im Studium lernen angehende Ärztinnen und Ärzte den Spruch: »Die Müdigkeit ist der Schmerz der Leber.« Eine weitverbreitete Erkrankung ist die sogenannte Fettleber, die häufig erst spät erkannt wird – und die selbst normalgewichtige Menschen treffen kann.

Was es damit auf sich hat und welche Ernährung bei Fettleber helfen kann, haben wir den Bochumer Leberspezialisten Ali Canbay gefragt. Er hat gerade einen neuen Ratgeber zu diesem Thema veröffentlicht: »Die richtige Ernährung bei Fettleber«, (Stiftung Warentest)

SPIEGEL: Typische Symptome einer Fettleber sind Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Was hat das mit der Leber zu tun?

Canbay: Sie müssen sich die Leber wie einen Kohleofen vorstellen. So wie ein Kohleofen Kohle verbrennt, verstoffwechselt die Leber jeden Tag große Mengen an Nährstoffen – Fett, Zucker und Eiweiße –, die vom Darm über die Pfortader dorthin gelangen. Sie synthetisiert Vitamine und Gerinnungsfaktoren und baut außerdem auch noch Giftstoffe ab. Wenn man aber in einen Kohleofen ständig immer mehr Kohle hineinschaufelt, dann erstickt die Glut irgendwann.

Ali Canbay ist einer der führenden Leberspezialisten Deutschlands und Mitautor der »Leitlinie nicht-alkoholische Fettlebererkrankung«. Er forscht und lehrt an der Ruhr-Universität Bochum und ist Direktor der Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum.

SPIEGEL: So ist das auch bei der Leber?

Canbay: Genau. An jeder Ecke riecht es lecker, im Supermarkt können wir Essen kaufen, soviel wir wollen, nachmittags gibt es dann noch Kaffee und Kuchen und abends vor dem Fernseher Chips. Wir essen oft viel mehr, als wir eigentlich brauchen – und all diese Nährstoffe werden als Erstes durch die Leber geschickt. Wenn wir der Leber aber nie Ruhe gönnen, dann kann sie ihre Aufgaben irgendwann nicht mehr erfüllen.

SPIEGEL: Warum?

Canbay: Sie lagert dann Fett ein, wird größer, es kommt zu Entzündungsprozessen, es entsteht eine Fettleber. Die Leber kann die Nährstoffe nicht mehr richtig verstoffwechseln und die Giftstoffe nicht mehr ausreichend abbauen. Menschen mit Fettleber fehlt es deshalb an Energie, sie fühlen sich sehr müde, und Giftstoffe wie Ammoniak, die bei Fettleber vermehrt im Blut zirkulieren können, beeinträchtigen zusätzlich die Arbeit des Gehirns.
Müdigkeit ist der Schmerz der Leber.

SPIEGEL: Wie kann man normale Müdigkeit unterscheiden von der Müdigkeit, die durch eine Fettleber verursacht wird?

Canbay: Natürlich gibt es ganz viele Gründe, warum man chronisch müde sein kann. Man muss die Müdigkeit deshalb im Zusammenhang sehen: Wenn man übergewichtig ist oder viel Bauchfett hat, wenn die Blutfette erhöht sind, man vielleicht auch schon einen Diabetes Typ 2 hat, und wenn man auch noch chronisch müde und erschöpft ist, dann spricht vieles für eine Fettleber. Müdigkeit, sagt man ja auch, ist der Schmerz der Leber.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Canbay: Eine Fettleber tut nicht weh. Man spürt allenfalls einen leichten Dehnungsschmerz, wenn das Organ sich vergrößert, und anfangs sind auch die Leberwerte noch normal. Aber es ist sehr wichtig, diese ersten Symptome ernst zu nehmen und alles zu tun, um gegenzusteuern. Die gute Nachricht ist: Die Leber kann sich innerhalb kürzester Zeit regenerieren. Man kann eine Fettleber also wieder rückgängig machen, und man sollte alles versuchen, um das zu schaffen. Sonst steigt das Risiko für einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes Typ 2, für Leberzirrhose und für Demenz. Die Leber ist ganz entscheidend dafür, um gesund alt zu werden.

SPIEGEL: Abgesehen davon, dass man zum Arzt gehen sollte – gibt es Sofortmaßnahmen, die man ergreifen kann, wenn man befürchtet, eine Fettleber zu haben?

Canbay: Als Erstes würde ich Alkohol weglassen, aber ebenso alkoholfreies Bier, das sehr viele Kalorien enthält. Außerdem sollte man unbedingt auch Limonaden meiden, Cola und Fanta und auf jeden Fall auch Orangensaft, der ist eine Katastrophe für die Leber.

SPIEGEL: Warum das?

Canbay: Orangensaft enthält sehr viel Fruktose, Fruchtzucker, der ausschließlich in der Leber verstoffwechselt werden kann. Wenn wir zu viel davon zu uns nehmen, wandelt ihn die Leber sofort in Fett um. Das gilt auch für andere Fruchtsäfte. Obwohl man sie oft mit gesunder Ernährung in Zusammenhang bringt, sind Fruchtsäfte Gift für eine Fettleber. Man sollte einfach nur Wasser trinken.

SPIEGEL: Das klingt noch relativ einfach. Wie sieht es mit dem Essen aus?

Canbay: Als Nächstes würde ich versuchen, Zwischenmahlzeiten wegzulassen und dann Intervallfasten zu machen. Das bedeutet, 18 Stunden am Stück jeden Tag nichts essen, also zum Beispiel zwischen 17 Uhr am Vortag und 11 Uhr am nächsten Vormittag. Wem 18 Stunden zu lang sind, kann auch mit weniger anfangen. Wichtig ist nur eine möglichst lange Pause. Lange Essenspausen entlasten die Leber enorm. Als Faustregel sage ich immer: Wir müssen leben wie der Wolf und der Löwe – nur essen, wenn wir sehr hungrig sind und danach Wasser trinken, das war’s.
Wer unbedingt Schokolade essen will, darf das.

SPIEGEL: Auch Schlaf und Bewegung sind für die Gesundheit wichtig. Wie wichtig sind sie für die Leber?

Canbay: Sehr wichtig. Aber die Ernährung ist noch wichtiger.

SPIEGEL: Was essen Sie denn jeden Tag?

Canbay: Morgens trinke ich nur einen Kaffee. Mittags esse ich meist Gemüse, Paprika, Möhren und so etwas, am besten passend zur Jahreszeit. Und abends esse ich meist Salat, entweder mit einem Stück Fleisch oder mit Fisch.

SPIEGEL: Haben Sie da nicht schrecklichen Hunger?

Canbay: Man gewöhnt sich dran, und ich bin mit der Leber ja sozusagen verheiratet, da muss ich meine natürlich besonders gut behandeln. Wichtig zu wissen: Es gibt beim Essen keine Verbote. Wer unbedingt Schokolade essen will, darf das. Es sollten nur nicht zwei Tafeln sein, sondern ein bis zwei Stückchen.

SPIEGEL: Und wie sorgen Sie in Ihrem stressigen Alltag für Bewegung?

Canbay: Ich versuche, Bewegung in meinen Alltag zu integrieren. Ich benutze zum Beispiel keinen Fahrstuhl, sondern laufe hier in der Klinik immer die Treppen rauf und runter, allein morgens sind das sechs Stockwerke. Im Laufe des Tages kommt so einiges zusammen.

SPIEGEL: Wie motivieren Sie Ihre Patientinnen und Patienten, ihr Leben zu ändern?

Canbay: Ich frage sie: ›Wollen Sie mit 65 einen Herzinfarkt haben oder mit Ihren Enkeln spielen? Sie haben es in der Hand! Sie können jetzt anfangen, etwas zu tun.‹ Oft findet dann ein Umdenken statt, und viele schaffen es tatsächlich, in ihrem Leben vieles besser zu machen.

Zitiert aus: “Der Spiegel – Health” – Ausgabe 44 – ein Interview mit Veronika Hackenbroch und Jule Lutteroth.